Rotifer, Robert - Not your door LP

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Zuerst einmal Entschuldigung für den ungefragten Etikettenbruch, ein Info selber (soll vorkommen), und nach dazu nicht in der dritten, sondern der ersten Person zu schreiben (geht gar nicht).
Das muss in diesem Fall sein, nicht bloß, weil „Not Your Door“ nach sechs Alben mit verschiedenen Band-Besetzungen mein erstes „Solo-Album“ seit 15 Jahren geworden ist.
Was konkret heißen will, dass ich diese Platte - bis auf einen kurzen Tag im One Cat Studio in Brixton mit Ian Button am Schlagzeug bzw. Mike Stone dreimal am Bass und einmal am Klavier, sowie vereinzelte Gastauftritte der Sängerin Citizen Helene, des Hornisten Robert Halcrow (von Picturebox) und meines Sohnes Oskar (an der Klarinette) - in meinem eigenen Büro/Heimstudio selbst eingespielt, aufgenommen, gemischt habe.
Ich tat das nicht bloß aus purer Egomanie (obwohl schon auch), sondern vor allem, weil es hier um Dinge geht, die man lieber ganz mit sich selber ausmacht, bevor man sie in die Welt hinausschickt.
Zum Beispiel den hoffentlich geglückten Versuch, eine andere Stimme zu finden. Dem leichten Ausweg des Sarkasmus zu entgehen.
„We sing when we're ashamed, and / This is our only entertainment“, heißt es in einem Song hier, und so ist das auch. So erbärmlich die Popkultur heute schein, Im Endeffekt kenn ich eben keine bessere Sprache.
Selbst dann, könnte man entgegnen, gibt es im Jahr 2016 zwar kaum mehr gute Gründe mehr, noch eine Platte zu machen. Aber schlechte, die man sich nicht aussuchen kann, tun's auch:
Vor ziemlich genau einem Jahr starb meine Großmutter Irma Schwager, eine Frau, die 1938 als 18jährige ihr Land verlassen hatte, um 1945, nach der Vernichtung fast ihrer ganzen Familie, zurückzukommen (ihr Mann, den sie in Frankreich kennen und lieben gelernt hatte, kehrte erst einige Monate nach ihr heim, ebenfalls nun als Waise).
Ich schrieb den Song 'Irma la Douce' für ihre Totenfeier und wunderte mich über mein eigenes Mitteilungsbedürfnis. Von der Beschreibung des Balkonblicks hinaus auf die Erbsensuppe des Donaukanals, bis zu einem fiktiven letzten Rundgang durch die vertraute Wohnung, wo sie die letzten 70 Jahre ihres Lebens verbracht hatte, samt dem seit den 1980ern fast unveränderten Schreibtisch meines Großvaters und den übermalten Einschusslöchern in der Wohnzimmertür (ein paar beharrliche Nazis hatten sich dort noch in den letzten Kriegstagen vor den Sowjettruppen verschanzt).
„Warum seid ihr zurückgekommen?“, hatte ich meine Oma einst bei ihrem Neunziger gefragt.
„Weil wir gewonnen hatten“, kam ihre Antwort, ohne eine Sekunde des Zweifels.
(“Irma la Douce, tell me the truth / Why did you come back home? / We came because we'd won“)
Mir hatte diese Erklärung damals in ihrer überzeugenden Einfachheit unglaublich gut gefallen. Aber mit Irmas Tod wurde plötzlich klar, wie zeitweilig solche Siege sind. Sie lassen sich nicht erben. Gegen den Faschismus gewinnen muss man immer von Neuem.
Ein paar Wochen später dann, als ich nun wirklich die letzte Gelegenheit hatte, mir wie im Song noch einmal diese Wohnung anzusehen, kam ich drauf, dass ich - kurz vor dem Heimflug nach England - ohne Schlüssel vor der Haustür stand. Daraus entwickelte sich der Song „Not Your Door“ über diesen erzwungenen Abschluss, der aber wohl auch für die Verabschiedung von einer jetzt endgültig verschwundenen Nachkriegswelt bedeutet.
Das wiederum war der Auslöser für die Idee zur B-Seite dieser LP als Songzyklus (falls man das bei fünf Liedern so nennen kann) mit dem Untertitel „Vienna from Memory“.
Es geht darin also streng genommen eben nicht um Wien, sondern darum, was mein Gedächtnis daraus gemacht hat. Eine Stadt, die es so nicht mehr gibt und wahrscheinlich nie gab. Insofern ist es auch sinnvoll, über dieses semi-fiktive Wien auf Englisch, also in der Sprache zu singen, in der ich es mir zurecht lege.
Die vor zwei Jahren abgerissene Bösendorfer-Fabrik aus „The Piano Factory“ gab es immerhin wirklich, genauso wie die Klavierpacker ihren blauen Latzhosen, die Kahlenbergfahrten in meinem verbeulten, asthmatischen '67er Käfer aus „An Autumn Day Like This“ oder wie die spätabendlichen Fluchten vor der oben am Ende der Rolltreppe der U1-Station Südtiroler Platz lauernden Skinhead-Gang aus „Top of the Esclator“.
Im Grunde könnten diese Geschichten aber überall im Europa des späten 20. Jahrhunderts spielen. Und ich glaube ja, es braucht Lieder über diese, meine Generation, die heute alt genug ist, um eitel mit der eigenen Sterblichkeit zu flirten („Nothing Left to Give Away“), damals aber noch als junge Pärchen durch Möbelmärkte prozessierte, ihre Zukunft in schwedischen Fleischbällchen maß („Meanwhile in my Machine“), seither Kinder hatte oder nicht („If We Hadn't Had You“) und sich irgendwann in einer neo-rassistischen, verrohten, Update-neurotischen Welt wiederfand, ohne so recht zu wissen, wie es eigentlich so weit kommen konnte.
Wir müssen selber schuld sein, soviel steht fest.
Robert Rotifer, Canterbury, Mai 2016

  • If We Hadn't Had You
  • Passing a Van
  • Meanwhile in my Machine
  • Our Only Entertainment
  • Nothing Left to Give Away
  • The Piano Factory
  • An Autumn Day Like This
  • Irma la Douce
  • Top of the Escalator
  • Not Your Door

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